Praxis für Logopädie, Margita Händel-Rüdinger

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Lesen lernen

 

Es genügt nicht, Buchstaben zu Wörtern, Wörter zu Sätzen und Sätze zu Geschichten zu verbinden, das Gelesene muss auch verstanden werden. Lesesinnverständnis ist Ausdruck der Sprachverständniskompetenz, deren Wurzeln in den ersten zwei Lebensjahren liegen.

 

Die Entwicklung des Lesens erfolgt gemeinsam mit anderen Kompetenzen. Vorstufen finden sich bereits in den ersten Lebenswochen. Im Rahmen vieler gemeinsamer Spielchen von Angesicht zu Angesicht beginnt der Säugling im Gesicht und den Augen der Eltern zu „lesen“. Bald weiß er, dass Blicke unterschiedliche Bedeutung haben können. Er wird fähig, feinste emotionale Gesichtsausdrücke zu lesen und fühlt, was sie bedeuten.

 

Ein Kleinkind sieht, dass Papa und Mama immer wieder Bücher und Zeitungen in die Hand nehmen und es beginnt, sich für Bilderbücher zu interessieren, denn es möchte so kompetent und groß werden wie die Eltern.

 

Bilderbücher bereiten das Lesen vor, denn bevor ein Kind Wörter lesen kann, „liest“ es Bilder und erfasst deren Bedeutung. Über das gemeinsame Betrachten eines Bilderbuchs lernt es, dass Bilder und Wörter für etwas stehen. Es erkennt, dass das, was darin abgebildet ist, mit der Welt da draußen zu tun hat. Zu erfassen, dass das Bild der Ente (später ist es das Wort „Ente“) im Bilderbuch, mit der Ente auf dem See etwas zu tun hat, die es beim Spaziergang mit Papa gesehen hat, ist ein Meilenstein in der Entwicklung des Lesesinnverständnisses (ca. um 18 Monate).

 

Eltern, die mit ihren Kindern beim Betrachten eines Bilderbuchs oder beim Vorlesen ins Gespräch kommen,

 

  • bereiten ihr Kind auf das Lesen und das Lesesinnverständnis vor,
  • erweitern den Wortschatz des Kindes,
  • unterstützen die Grammatikentwicklung,
  • erweitern die verbale, sozial-kommunikative Kompetenz,
  • fördern den Erzählerwerb,
  • lassen das Kind Geborgenheit in einer vertrauten Atmosphäre erleben.

 

Diese Kinder haben, wenn sie in die Schule kommen, nachweislich einen Erfahrungsvorsprung und können dem Unterricht leichter folgen.

 

Zeigt ein Kind mit ca. 15 Monaten keine Freude am gemeinsamen Betrachten eines Bilderbuchs, lauscht es nicht gerne erzählten Geschichten, wird es unruhig und zappelig oder stellt es keine Zwischenfragen, ist eine frühzeitige Abklärung der Ursachen zu empfehlen.

Praxis für Logopädie
Margita Händel-Rüdinger